Es wird alles anders – beim nächsten Pferd...

ES WIRD ALLES ANDERS – BEIM NÄCHSTEN PFERD…

Um etwas zu überwinden, um es tatsächlich hinter dir zu lassen, musst du es erst völlig durchdringen und ganz in Besitz nehmen. Sonst ist es kein Hinter-Dir-Lassen – sondern einfach nur eine Flucht. Und die Geschichte heftet sich an deine Fährte wie ein Raubtier an die Spur seiner Beute.

Vor mir steht eine Damen mittleren Alters, freundlich, intelligent – und völlig entnervt.

„Da hab‘ ich extra mein vorheriges Pferd verkauft, weil es einfach so anstrengend und unmöglich war, und jetzt fängt DER auch so an … das ist doch nicht zu fassen!”

Eigentlich ein Klassiker.

Das Pferd macht eigenartige/verrückte/gefährliche Sachen. Man versucht gegenzusteuern, man leidet, man kämpft … und gibt dann schließlich auf und trennt sich von diesem unmöglichen Tier.

Überzeugt davon, beim letzten Mal die falsche Wahl getroffen zu haben, macht man sich voll Enthusiasmus auf die Suche nach einem neuen Pferd. Sucht es danach aus, dass es die unerwünschten Eigenschaften des Vorgängers bestimmt nicht hat – und landet trotzdem wieder an einem Punkt, an dem das Tier irgendwelche unbequemen, unerwünschten, anstrengenden und frustrierenden Verhaltensweisen zeigt.

Abgesehen davon, dass es manchmal einfache, logische Erklärungen für die anstehenden Probleme gibt (etwa dass es nicht wirklich selten vorkommt, dass der erst 8-jährig kastrierte Bursche, der seine Jugend mit anderen wilden Kerls auf der Hengstweide verbracht hat, auch später, als Wallach, im Herdenverband ein überaus dominantes und  grobes Sozialverhalten zeigen könnte) gibt es auch hier eine subtilere Ebene. Bestimmte Themen in unserem Leben finden eben immer und immer wieder statt, bis wir sie auflösen können.  Dieser Prozess macht weder vor den Menschen noch vor dien Tieren, die uns begleiten halt.

Es geht dabei um eine Erscheinung, die oft mit dem sogenannten Gesetz der Resonanz beschrieben wird.

Konkret bedeutet das, dass etwas in dir aus (für deinen Verstand) völlig unerfindlichen Gründen bestimmte Situationen, Dramen, oder Gefühle magisch anziehen könnte, so wie das Licht die Motten.

Gewisse noch ungeklärte Strukturen in deinem Inneren senden quasi bestimmte Energiefrequenzen aus, die ähnliche Schwingungen anziehen. Diese Energie geht dann mit Lebewesen oder Situationen in Resonanz, die an genau demselben Thema dran sind.

Eigentlich eine gute Sache, denn nur durch das tatsächliche Verstehen und durch das vollkommene Durchdringen der Hintergründe in deinem Inneren kannst du diese energetischen Knoten ein für alle mal lösen. Und davor hat dich die Geschichte am Schlawittchen, ob du willst oder nicht.

Viele reagieren empört und wehren sich dagegen den, dass sie selbst es einen Anteil daran haben, dass ihr Pferd sich „so unmöglich benimmt“, austickt oder sonst irgendwelche absurden Macken entwickelt. Das kann unmöglich ihre Schuld sein. Schließlich war das Pferd ja auch schon da, bevor es in ihr Leben getreten ist. Hat quasi eine Hintergrundgeschichte.

Zunächst einmal muss hier in aller Deutlichkeit gesagt werden, dass das ganze nichts, aber auch gar nichts mit  Schuld zu tun hat. „Schuld“ ist ein Konzept, dass uns genauso an ein Thema bindet wie Angst, Verzweiflung oder Hass. Trotzdem … irgendwas hat die Geschichte eben doch mit uns zu tun, und sei es, dass uns dadurch aufgezeigt wird, dass wir gewissen Problemen in uns selbst lieber ausweichen statt dich ihnen zu stellen.

Meine Stute Maritella war in ihren jüngeren Jahren überaus aggressiv, wild und unkontrolliert.

Ihre Züchterin, eine erfahrene Pferdefrau, von der ich viel lernen durfte, war sehr erstaunt, als ich ihr von den immer weiter eskalierenden „Kämpfen“ erzählte, die sie mir und allen, die mit ihr zu tun hatten, lieferte. Sie hatte das Pferd nämlich stets als munteres, aber zentriertes und freundliches Wesen erlebt. Eigentlich völlig unkompliziert.

Ich aber hatte einen feuerspeienden Drachen vor mir. Fast alle um mich herum – Freunde Tierärzte, Pferdetherapeuten und Trainer – rieten mir, den „Killer“ loszuwerden. Ich kann nicht behaupten, dass ich das nicht zeitweise liebend gerne getan hätte…

Irgendwann sagte dann die Pferdephysiotherapeutin , die ich in dem verzweifelten Versuch aufsuchte, doch noch jemanden zu finden, der mir mit meinem „Problempferd“ weiterhelfen könnte,  den für mich entscheidenden Satz: „Wenn jemand wie du so ein Pferd bekommt, dann hat das was zu bedeuten und das heißt, dass du auch eine Lösung hast.“

Nicht dass ich irgendeine Ahnung gehabt hätte, was sie damit meinte, aber irgendwas in mir hat sich an diesem Satz aufgehängt und mich nicht mehr vom Haken gelassen. Damals habe ich angefangen, die Energiearbeit, die ich in Indien gelernt hatte, auf Pferde umzulegen.

Wenige Monate später hatte sich die Situation erheblich entspannt.
Den wirklichen Durchbruch hatten meine Maritella und ich allerdings erst, als ich begann, mich mit meinem eigenen Umgang mit Aggression zu beschäftigen. Der war nämlich vollkommen erstickt in einem räucherstäbchengeschwängerten, weichgespülten Ideal von Ausgeglichenheit und Gutmenschentum  – und einem nicht unerheblichen Maße an Selbstherrlichkeit, weil ich mich ja so toll „zusammenreißen“ kann.

Heute weiß ich, dass sowas der Tod jeder wirklichen Erkenntnis, jedes tatsächlichen Aufarbeitens ist. Bevor man etwas loslassen kann, muss man es erst fest in die Hand nehmen und es sich ungefiltert und ungeschminkt so ansehen, wie es augenblicklich eben ist. Nicht beurteilen (und schon gar nicht verurteilen!), nicht angewidert zurückweichen, eigentlich gar nix tun, außer hinschauen. Und feststellen „So ist es. Das fühle ich. So handle ich.“ Erst dann kommt der Schritt, in dem man sich dagegen entscheiden kann, so weiter zu machen, erst dann ist es Zeit, loszulassen.

Letztendlich bin ich ein bisschen „wilder“ geworden und mein Pferd dafür ein freundliches, zugängliches Mädel mit einem, nun, „angemessenen Quentchen Pfeffer im Arsch“.

Wir sind uns da gar nicht so unähnlich, denke ich.

Ich meine keineswegs, dass jede Tortur endlos auszudehnen und mit „Sinn“ zu überfrachten ist. Manchmal heißt die Erkenntnis eben aufhören, aufgeben, scheitern. Auch das sind wichtige Elemente in unserem Leben, auch das muss man lernen dürfen. Aber egal, worum es letztlich geht, zu allererst muss ich mich mit dem konfrontieren, was da ist, und was ich mir möglicherweise nicht eingestehen und anschauen will.

Mitunter braucht es da eben vier Hufe und einen gewaltigen Sturschädel, um sich uns solange in den Weg zustellen, bis wir aufhören, abzuhauen.

Hat doch was, wenn das Fluchttier das Raubtier ausbremst, oder?

 

Illustration: olies / © shutterstock.com