Angelika Graf: Working Equitation – Philosophie meiner Leidenschaft

WORKING EQUITATION – PHILOSOPHIE MEINER LEIDENSCHAFT

Aus der Begeisterung für den Sport Working Equitation über das Studium seiner traditionellen Wurzeln hin zu einer erhöhten Einfühlsamkeit für das Pferd und zu einer eigenen Lebensphilosophie. Das ist in knappen Worten der persönliche Weg von Angelika Graf, Autorin und Herausgeberin zweier Bücher über die Working Equitation. Im folgenden Artikel beschreibt sie uns das „Sentir Ecuestre“ und wie Pferd und Reiter dadurch eins werden.

Working Equitation ist ein Begriff, der auch in Deutschland bereits vielen Reitern bekannt ist. Hinter ihm verbirgt sich eine Sportart, deren Ursprung im Arbeitsreiten liegt. Arbeitsreitweisen sind gelebte Reitweisen, sie entwickelten sich durch den Arbeitsalltag auf großen Pferde- und Rinderzuchten auf denen die täglich anfallenden Arbeiten wie beispielsweise das Betreuen von halbwild lebenden Herden mit Unterstützung der Pferde erledigt werden.

Als Aficionada, einer Liebhaberin traditioneller Arbeitsreitweisens der iberischen Halbinsel, freut es mich, dass Working Equitation auch hierzulande an Bekannt- und Beliebtheit gewinnt. Durch seine vier Teilprüfungen (Dressur, Dressurtrail, Speedtrail und Rinderarbeit) ist er sehr vielseitig für Pferd und Reiter. Es werden Pferde verlangt und auch herangebildet, die gelernt haben, gerne Leistung zu erbringen, und mit Freude zu kooperieren. Sie verstehen ihre Aufgaben und erfüllen diese mit Stolz.

Pferd und Reiter – Gemeinsames Leben und Arbeiten

Pferd und Reiter – Gemeinsames Leben und Arbeiten

Meine Begeisterung gilt neben Temperament und Leidenschaft auch der Philosophie, die in Arbeitsreitweisen wie dieser leben. Ein Rinderhirte ist bei allen anfallenden Arbeiten in den Rinderherden auf die beständige Mitarbeit und Unterstützung seines vierbeinigen Partners angewiesen. In Ländern wie Spanien und Portugal ist dieses tägliche Arbeiten mit dem Pferd nicht nur eine Art zu Reiten. Es ist eine Lebenseinstellung, eine Form des Lebens selbst, die geprägt ist durch das Zusammenleben und Arbeiten von Mensch und Pferd. Es ist diese gelebte Verbindung, die eine Reiterei hervorbringt, die auch heute noch vielerorts als eine Form der Kunst verehrt wird.

Eine Schule der Achtsamkeit

In Spanien beispielsweise wird die Kombination aus guter Technik, einem besonderen Gespür und einer wahrhaftigen Einfühlsamkeit in das Lebewesen Pferd als Sentir Ecuestre bezeichnet. Ein Begriff, der nicht nur in Andalusien einen sehr hohen Stellenwert hat. Sucht der Reiter nach diesem Sentir Ecuestre, so betritt er einen Weg, auf dem er als Künstler in die Tiefen der Arte Ecuestre, der Kunst zu Reiten, immer intensiver eindringen kann. Dieses Spüren und Fühlen, dieses hundertprozentige Einlassen und Einstimmen auf das andere Lebewesen ist es, was mich immer wieder aufs Neue in den Bann zieht. Daraus entsteht ein vertrautes Gespräch zwischen Pferd und Reiter, eine feine Kommunikation über Gedanken und Gefühle.

„Nimm dein Pferd
und fühle es in deinen Beinen, in deinem ganzen Körper.
Für deinen Sitz ist es wichtig, dass dein Pferd immer darauf aufmerksam ist. Das ermöglicht dir ein Fühlen des Pferdes und seines Mauls. Spüre, wie es leicht und weich in deiner Hand liegt.
Fühlst du das, so ist das Pferd bereit und hört auf die feinsten Regungen deines Körpers. Willst du das noch verbessern, so musst du klare Gedanken im Kopf davon haben, was du von deinem Pferd willst. Fühlen sich die Pferde weich und bei dir an, fühlst du ihr Maul in deiner Hand, dann folgen sie deinem Körper.“
Manolo Oliva Ramos

Diese Einheit für Momente erleben zu dürfen hat mich süchtig werden lassen, süchtig nach einer Beständigkeit dieses Gefühls der tieferen Verbundenheit mit dem Pferd. Es entwickelt sich eine lebendige Zusammenarbeit, in der Pferde lernen, ihr Temperament und ihre Energie für den Menschen einzusetzen. So können gemeinsam anspruchsvolle Arbeiten ausgeführt werden, egal ob spritzig und dynamisch oder ruhig und gelassen.

Seit meiner Jugend beschäftigt mich der Ansatz, dem Pferd mit Respekt und Vertrauen auf eine für ihn natürliche Art und Weise entgegen zu gehen. Ich bin sehr dankbar, dass ich Pferdemenschen begegnen durfte, die mir einen Weg zu einem sensiblen, gefühlvollen und lebendigen Arbeiten mit Pferden öffneten. Sie zeigten mir, dass Reiten eine Bewegungskunst ist. Eine Kunst den eigenen Körper in Gleichklang und Gleichgewicht mit den Bewegungen des Pferdes zu bringen. Sie ließen mich spüren, was sensibles Reiten bedeutet: Ein Gefühl für Rhythmus und Takt der Bewegung in einer gemeinsamer Balance zu finden, wobei Spaß und Freude am gemeinsamen Tun bei Pferd und Reiter nie vergessen werden darf. Am meisten fasziniert mich daran, dass dies ein lebenslanger Prozess ist. Es ist eine Schule der Aufmerksamkeit und der Achtsamkeit für das ganze Leben.

Gedanken und Gefühle bestimmen die Zusammenarbeit

In den traditionellen Arbeitsreitweisen der iberischen Halbinsel spielt das Gefühl des Reiters eine ausschlaggebende Rolle. Der Reiter soll jede Regung des Pferdes spüren und begreifen, um dementsprechend zu agieren. Er weiß, wann welches Bein abfußt, in der Luft ist oder bereits wieder auffußt. Er spürt intuitiv welche Muskelpartien angespannt sind, wie der Schwung durchfließen kann, oder ob es Unregelmäßigkeiten im Gang des Pferdes gibt. Diese Details intuitiv erfühlen zu können ist für mich sehr spannend und ich bemerke, wie dieses Bewusstsein für Bewegung im Laufe der Jahre in ungeahnte Tiefen der Reiterei führt.

Angelika Graf: Galopp-Pirouette

Angelika Graf: Galopp-Pirouette

So ist mir klar geworden, dass ein Reiter seine Gedanken sinnvoll einsetzen muss. Anders findet er nicht zu einer solch harmonischen Zusammenarbeit. Dabei kommen seine Gedanken und das Wissen um die Theorie immer vor der Praxis. Ein erfahrener Reiter, der die Bewegungen des Pferdes in sich spürt, in seinen Gedanken die Abfolge der Tritte kennt und den Rhythmus des Pferdes in seinem ganzen Körper erfühlen kann, wird von ihm eine exakte Antwort erhalten. Denn ein psychisch ausgeglichenes Pferd ist offen und bereit zur Kooperation. Daraus entwickeln sich die Momente, in denen das Denken des Reiters reicht, um das Pferd zu leiten und mit ihm zu tanzen.

Ein Feingefühl im Sattel zu entwickeln und kontinuierlich zu verbessern, ist die Voraussetzung dafür, dass der Reiter genau weiß, wann es heißt, den Schwung zu erhöhen und wann es gilt, ihn etwas zu reduzieren. Aber auch wann das Pferd wirklich locker im Rhythmus und durchlässig ist, so dass der Schwung von hinten nach vorne fließen kann. Das Gefühl des Reiters für die richtigen Momente der Hilfen ermöglicht dem Pferd sich in all seiner Schönheit, Eleganz und Lebendigkeit präsentieren zu können – ein großes Ziel der Arbeitsreitweisen wie der Working Equitation.

Im Spanischen heißt es Franqueza, wenn Pferde spontan und ohne zu zögern auf den Reiter reagieren. Sie sind aufmerksam und offen, zudem agil und spritzig, tragen aber trotzdem eine Gelassenheit in sich. Um dies zu erreichen muss der Reiter seinen Körper schnell und gewandt koordinieren können, die für den Moment entsprechende Hilfe vorausahnen, damit sie rechtzeitig und so fein wie möglich erfolgen kann. Das hat nichts mehr mit reiner Technik zu tun. Eine gute Technik ist zwar die Grundlage, aber Gedanken und Gefühl müssen letztendlich immer präsent sein und fließen.

Jeder kann diesen Weg gehen

In der Doma Vaquera, der spanischen Hirtenreitweise ist solch ein gefühlvolles Arbeiten mit dem Pferd Grundsatz. Es unterscheidet den reinen Techniker von einem Künstler. Es ist gelebte Passion, Ausdruck purer Leidenschaft, für wahre Könner eine Selbstverständlichkeit. Und das Schöne ist, jeder Reiter, egal auf welchem Niveau er sich befindet, kann lernen dieses Gespür für sich zu entwickeln. Bleibt er aufmerksam, so kann er es über Jahre hinweg immer weiter vertiefen. Es ist eine wahre Bereicherung des Reitens und hat mit einem Mechanisieren des Pferdes und reinem Abspulen von Lektionen nichts zu tun.

Angelika Graf und Fontendido – Arbeitstrab

Angelika Graf und Fontendido – Arbeitstrab

Nur diese Feinfühligkeit lässt wahres Reiten entstehen: Das ist das Sentir Ecuestre und bedeutet das Reiten in seiner Gesamtheit zu erfühlen.

Diese grundlegende Übereinstimmung mit dem Pferd beeindruckt mich so sehr, dass es mir wichtig ist das alte, meist nur mündlich überliefertes Wissen tiefer zu ergründen und in meinen Büchern festzuhalten. Denn dies alles ist mehr als nur eine Art zu Reiten oder eine Reitweise, es ist eine Form des Lebens.

Temperament und Leidenschaft, Feuer und sonnige Energie der iberischen Halbinsel finden ihren Ausdruck in diesem Tanz zu Pferde.

Bilder: © Manuela Schmidt/ Juan Antonio Caro Espinar/Christine Gräper


WORKING EQUITATION BASICS

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