Oliver Hilberger Psychische Komponenten in der Pferdeausbildung

FROH, PRÄCHTIG UND STOLZ

Die Gymnastizierung des Pferdes – notwendig für die physische Gesundheit des Reitpferdes und oftmals sehr unterschiedlich interpretiert. Doch gibt es bei der Gymnastizierung auch eine psychische Komponente?

In den vergangenen Jahren entwickelte sich auch bei den FreizeitreiterInnen das Bewusstsein, dass jedes Pferd von einer pferdegerechten Gymnastizierung profitieren kann, beispielsweise sind Seitengänge schon längst kein Privileg der DressurreiterInnen mehr. Fernab vom Turniersport beschäftigen sich immer mehr Menschen mit dem Gedanken, ihr Pferd nicht nur „durch die Gegend zu reiten“, sondern auch ein wenig auf die Fitness der Vierbeiner zu achten. Die freie Enzyklopädie Wikipedia beschreibt die Gymnastik als „allgemeine und gleichmäßige Ausbildung des Körpers“ und unterscheidet zwischen Athletik (einseitige Übungen, die den Körper zu einzelnen hervorragenden Leistung schulen will) und der Agonistik (dem Sport), die bei ihren Übungen vorzugsweise die Teilnahme an Wettkämpfen im Auge hat. Als FreizeitreiterIn hat man meist nicht den Wunsch, an Wettbewerben teilzunehmen. Deshalb ist es auch nicht das vorrangige Ziel, nach Vorschriften wie Dressuraufgaben zu reiten. Die Regeln, an denen es sich zu orientieren gilt, stellt einzig und allein das Pferd auf.

DAS GEHEIMNIS DER BALANCE

Jede Richtungsänderung, jede Geschwindigkeitsveränderung, jeder Gangwechsel des Pferdes ist eine Balanceverschiebung. Das „Spiel“ mit der Balance gibt dem Pferd die Möglichkeit, bestimmte Bewegungen auszuführen. Ein flüchtendes Pferd wird sein Gewicht in Richtung Schultern verschieben, ein in die Enge getriebenes Pferd verlagert sein Gewicht auf die Hinterhand, um sich blitzartig verteidigen zu können. Beobachtet man Pferde beim Spiel auf der Weide, so wird man hier sehr gut erkennen können, wie sie flink im Wechselspiel zwischen Angriff und Verteidigung ihre Balance verschieben. Mit Leichtigkeit und Lebensfreude trainieren sie ihre Reflexe, ihre Muskeln, ihre Geschicklichkeit und natürlich ihren Gleichgewichtssinn. Sie gymnastizieren sich selbst, um im nächsten Spiel noch wendiger, schneller und mutiger zu sein, um schließlich im (heute nur mehr hypothetischen) Kampf ums Überleben den entscheidenden Vorteil gegenüber ihren Feinden zu haben, oder als Hengst vielleicht einmal eine Herde für sich in Anspruch zunehmen. Es liegt also in der Natur des Pferdes, sich zu gymnastizieren. Beste Voraussetzungen für den Menschen, diese Anlage zu fördern und zu unterstützen.

 

Ausbalanciert: Mit Leichtigkeit und Lebensfreude trainieren Pferde im Spiel ihre Reflexe, ihre Muskeln, ihre Geschicklichkeit und natürlich ihren Gleichgewichtssinn.

 

 

Aus der Sicht des Pferdes kommt aber noch ein Aspekt zum Tragen: Mit Verbesserung der Biegsamkeit, der Geschmeidigkeit, der Muskeltätigkeit und der Tragkraft vollzieht sich beim Pferd auch eine psychische Veränderung – es wird kräftiger, selbstbewusster und weiß seine neu gewonnenen Fähigkeit einzusetzen. Mit jeder Übung werden die Pferde geschmeidiger, das Vertrauen zum eigenen Körper wächst, die Balance wird verbessert und die Tragkraft geschult. Je mehr die Hinterhand gymnastiziert wird, desto mehr verlagert sich das Gleichgewicht in Richtung Hanken. Es findet eine Wechselwirkung zwischen körperlicher und seelischer Verfassung statt: Der Fluchtgedanke wird mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt (weg von den Schultern), weil das Selbstbewusstsein des Pferdes wächst. Man darf getrost von einem somatopsychischen Effekt – der Wirkung des Körpers auf die Psyche – sprechen. Und das ist der Schlüsselpunkt der Gymnastizierung aus der Sicht des Pferdes.

…EIN HAUCH VON PEGASUS

Das Dressurreiten hat es sich zur Aufgabe gemacht, Bewegungen, die Pferde auch in ihrer natürlichen Umgebung zeigen, zu kultivieren, zu verfeinern und weiter zu entwickeln. Jeder körperlichen Haltung liegt aber eine Emotion zugrunde. Ein Pferd in versammelter Haltung – wie zum Beispiel ein Hengst im Spiel oder Kampf – ist in einer anderen psychischen Verfassung als ein Pferd, das grasend auf der Weide steht. Der Ausgangspunkt also ist die emotionale Gemütslage des Pferdes, der Ausdruck dieses ist die körperliche Haltung.

 

Partner Pferd: Gut gymnastizierte Pferde werden selbstbewusster – sie arbeiten gerne und freiwillig mit.

 

 

Ziel und Wunsch der DressurreiterInnen ist ein versammeltes Pferd, das schwere Lektionen bis hin zur Hohen Schule geht und Leichtigkeit zeigt. Für das Pferd machen diese Lektionen aber nur dann Sinn, wenn es sich mit Freude – der richtigen Emotion – an der eigenen Bewegung, Selbstvertrauen und Stolz präsentieren kann. Im Vordergrund der Pferdeausbildung sollte also die pferdegerechte Gymnastizierung stehen – eine Gymnastizierung, die für das Pferd Sinn ergibt, die das Pferd versteht und als Nebeneffekt das Pferd dazu befähigt, den/die ReiterIn unbeschadet tragen zu können. Der/die ReiterIn weiß, dass der Körper des Pferdes nicht dazu geschaffen ist, Last auf seinem Rücken zu tragen – eine waagerecht liegende Wirbelsäule bietet nicht die beste Voraussetzung, um Last aufzunehmen.

Der Mensch hat durch Erfahrung, Beobachtung und Wissenschaft schnell herausgefunden, was ein Pferd tun muss, damit es so gekräftigt wird, dass es trotz des zusätzlichen Gewichts auf dem Rücken keinen Schaden nimmt: Übungen wie Biegen, Beugen, Schulterherein, Traversalen und Piaffen wurden geschaffen, der/die DressurreiterIn bezeichnet sie als Lektionen. In nächster Konsequenz wurden vom Menschen Regeln aufgestellt, die Hilfengebung, Einwirkung und Ausrüstung vorgeschrieben – wie in der 1912 erschienenen HDV-12, eine Reitvorschrift, die richtungsweisend für die Dressur war. Da heißt es: „Die Einwirkungen des Reiters auf das Pferd, durch die er ihm seinen Willen kundgibt und es beherrscht, nennt man Hilfen. Ihr Erfolg beruht teils auf mechanischem Zwange, teils auf Gewöhnung“. Eine Definition des Wortes „Hilfen“, die weit davon entfernt ist, dies auszudrücken, was sie in Wahrheit sein sollten – und noch weiter davon entfernt ist, für das Pferd einen Sinn zu ergeben. Mechanischer Zwang als Voraussetzung, um Lektionen wie Schulterherein, Traversalen, fliegende Wechsel oder gar Piaffen zu reiten? Eine Vorschrift, vom Menschen geschaffen, für das Pferd unverständlich und im besten Falle sinnlos – im schlechtesten Fall sogar schmerzhaft.

DAS PFERD BESTIMMT DEN WEG

Was aber, wenn das Pferd die Regeln vorgibt? Da wären anatomische Voraussetzungen wie Alter, Exterieur, Fehlstellungen, Entwicklungsstand und Bemuskelung zu berücksichtigen, die die wichtigste Regel aufstellen: Welche und wie viel Gymnastik? Als Mensch habe ich die Verantwortung, zu sehen und zu entscheiden, was meinem Pferd gut tut und positiv auf seinen Körper, auf Muskeln, Gelenke und Sehnen wirkt. Der/die ReiterIn muss entscheiden, was dem Pferd leichtfällt, und wo und wie viel Hilfe es benötigt. Sowie sich der/die ReiterIn mit der Anatomie seines Pferdes auseinandersetzen muss, musser/sie auch die psychischen Voraussetzungen berücksichtigen: Charakter, Stimmung und Erfahrung – das Interieur – bestimmen ebenfalls den Weg der Gymnastizierung. Wenn diese zwei Grundregeln beachtet werden, dann wird schnell klar: Was für das eine Pferd gut ist, muss für das andere noch lange nicht passend sein. Das Individuum Pferd lässt sich nur dann in ein starres Konzept packen, wenn man das Pferd verbiegt, was Unverständnis und berechtigte Widersetzlichkeiten zur Folge hat.

ALLES WIRD EINFACH

So simpel es klingt: Wenn das Pferd einen Sinn in der Gymnastizierung sieht, dann wird alles plötzlich ganz einfach! Schulterherein ist dann nicht mehr nur eine Lektion der Klasse LM, sondern ein wirksames Mittel zur Stärkung der Hinterhand, zur Entwicklung der Muskulatur und nicht zuletzt ein weiterer Schritt zu einem stolzen, selbstbewussten und bis ins hohe Alter gesunden Pferd. Nebeneffekt für den/die ReiterIn ist, dass das Pferd so gekräftigt wird, dass es schließlich wirklich in der Lage ist, Gewicht auf seinem Rücken zu tragen: ohne Schmerzen, ohne Dauerschäden und ohne Fluchtgedanken. Freilich kann man diese Bewegung dann kultivieren, verfeinern und bis zur Vollendung bringen, aber sie wird niemals zu einer „seelenlosen“ Übung verkommen.

 

Würdevoll: Ob an der Hand oder unter dem Sattel – die Würde sollte niemals verloren gehen.

 

 

Dressurreiten auf der Basis pferdegerechter Gymnastik kann auch zu einem wunderschönen Erlebnis für Pferd und ReiterIn werden. „Wenn man das Pferd in die Haltung bringt, die es selbst annimmt, wenn es sich das schönste Ansehen geben will, so erreicht man, dass das Pferd des Reitens froh und prächtig, stolz und sehenswert erscheint.“ Dieser Satz stammt vom griechischen Reitmeister Xenophon, aus seinem Werk „Über die Reitkunst“ und beschreibt sehr eindrucksvoll das Wesen der Gymnastizierung. Treffend und auf den Punkt gebracht. Der Mensch kann dem Pferd helfen diese Haltung einzunehmen. Froh, prächtig und stolz – Emotionen die nicht erzwungen werden können.

 

MOTIVATION IST ALLES

Um dem Pferd metaphorisch Flügel wachsen zu lassen, bedarf es nicht unbedingt einer ausgefallenen Technik, sondern mehr einer besonderen Einstellung, einer gewissen Offenheit gegenüber dem Pferd und ein paar nützlicher Eigenschaften.

Authentizität. Pferde wissen einander sofort einzuschätzen. Eine wichtige Eigenschaft im sozialen Umgang miteinander. Beim Menschen gestaltet sich das viel schwieriger, denn Menschen können sich verstellen und eine Handlung nicht im Einklang mit der inneren Verfassung vollziehen. Pferde können mit so einem Verhalten nur sehr schwer umgehen – für das Pferd ist es sehr wichtig, von seinem Gegenüber klare und authentische Signale zu empfangen. Gespielte Freude wird niemals dieselbe Wirkung haben wie echte. Der Mensch soll dem Pferd das Bild vermitteln, dass er echt, unverbogen und ungekünstelt ist.

Leidenschaft. Selten vergisst der/die PferdebesitzerIn die erste Begegnung mit seinem/ihrem Pferd. Die Faszination dieser Lebewesen zieht einen schnell in ihren Bann und häufig entwickelt man echte Leidenschaft für sie. Über die Jahre verschwindet diese Emotion oftmals, was bleibt ist die tagtägliche Routine. Genau diese Leidenschaft vermag es aber Pferde mitzureißen – die Freude, die Lebenslust, dem Pferd bei der Arbeit und im Umgang vorgelebt, bewirken Wunder. Ein kleiner Tipp: Stellen Sie sich das nächste Mal im Stall vor, es wäre die erste Begegnung mit Ihrem Pferd – Sie werden nicht nur bei sich, sondern auch bei Ihrem Pferd eine große Veränderung spüren!

Respekt. Immer wieder hört man die Forderung, dass das Pferd Respekt vordem Menschen haben muss – seltener hört man die umgekehrte Variante. Wer Respekt fordert, muss ihn sich verdienen und auch seinem Gegenüber erweisen. Es gibt kein Haustier, mit dem häufig so respektlos umgegangen wird, wie mit einem Pferd. Wer sein Pferd wie ein Sportgerät behandelt, wird auch nie mehr als ein solches erhalten!

Hier und Jetzt. Pferde denken nicht an die Zukunft oder an die Vergangenheit. Sie leben genau jetzt, und dadurch erleben sie auch den Augenblick intensiver als wir Menschen. Im Gedanken an das Frühstück oder andas morgige Meeting verliert sich die Magie der Gegenwart und das Pferd steht alleine da. Versuchen Sie einmal, sich beim Pferd auf nur genau die Sache zu konzentrieren, die Sie gerade machen. Vergessen Sie Ihre Umwelt, genießen Sie den Augenblick – und Ihr Pferd wird zuhören…

Lob. Jeder wird gerne gelobt, wenn er etwas gut gemacht hat. Auch Ihr Pferd. Sehr häufig wird jeder noch so kleine Fehler bestraft und das Gewünschte bloß akzeptiert, oder als selbstverständlich genommen. Nichts ist demoralisierender als ständig einen Rüffel zu bekommen, die Mitarbeit wird sich auf Fehlervermeidung beschränken, auf mehr aber auch nicht. Pferdetraining auf der Basis von positiver Verstärkung kann Wunder bewirken. Die Arbeit mit dem Clicker beruht beispielsweise auf diesem Prinzip und kann beim Pferd erstaunliche Lernerfolge erzielen.

Der Blick fürs Wesentliche. Wie oft hängt man sich an Kleinigkeiten auf. Mit Akribie wird an Bewegungen gefeilt, Fehler ausgemerzt und bis ins Detail Übungen wiederholt. Diese sprichwörtliche „deutsche Gründlichkeit“ kann beim Pferd allerdings kontraproduktiv sein. Verlieren Sie bitte niemals den Blick für das Wesentliche, oft verschwinden Fehler von alleine, wenn man sich nicht daran festbeißt.

Körpersprache. Pferde reagieren sehr sensibel auf die Sprache des Körpers. Ihr Pferd ist Ihr Spiegel. Je selbstbewusster Sie erscheinen, desto eher wird das Pferd in positiver Weise auf Sie reagieren.

Bilder: © Oliver Hilberger, pferdespuren.de


GYMNASTIZIERENDE ARBEIT AN DER HAND

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